Kathrin Elfman: Story, Text, Energie!

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28/12/2025

Der kürzeste Jahresrückblick aller Zeiten

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Schon mal in einer Regennacht mit dem Auto unterwegs gewesen und beim Abbiegen festgestellt, dass die Außenspiegel zu sind mit Spritzwasser?

So ungefähr fühlt es sich für mich an, wenn ich meinen Jahresrückblick formulieren soll. Manches gleißt und blendet. Manches ist unsichtbar. Manches wirkt weit weg und ist gefährlich nahe. Also rechts ran, Fenster runter und Spiegel geputzt. Voilà, Perspektive! ​Plötzlich wird ein roter Faden erkennbar. Er verwebt sich zum fliegenden Teppich und trägt mich samt Auto und blankem Rückspiegel in die Draufsicht, wo die Luft frisch ist und die Erkenntnis klar:

#1: Ein Mensch, der von außen geführt werden will, viel Künstliches und KI-erzeugte Inhalte konsumiert, reagiert auf Echtes mit Schreck, Angst und aggressiver Ablehnung. 

#2: Ein Mensch, der aus dem Sein heraus agiert, viel Natürliches konsumiert und selbst schöpferisch tätig ist, nimmt Echtes mit Interesse, Neugier und gelassener Kommunikationsbereitschaft wahr. 

Schon ist der Rückblick zu Ende. Fast alles, was mir 2025 begegnet ist, lässt sich mit diesen beiden Varianten erklären. Doch eine derart komprimierte Zuspitzung möchte ich meinen Lesern zwischen den Jahren nicht zumuten. Also ribbel ich den Teppich wieder auf und stricke uns Kuschelsocken aus dem roten Faden.
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Der etwas längere Jahresrückblick, oder: Nimm das, Stadtbild!

Vor 30 Jahren habe ich wie jeder freie Kreative fleißig Visionboards geklebt, Pläne formuliert und mir ausgemalt, wie ich mir meine berufliche Zukunft vorstelle. Ein Aspekt dabei war, dass ich mein Geld als Texter nicht nur bei deutschen Werbeagenturen und Verlagen verdiene, sondern direkt mit internationalen Markenkunden und Medien zusammenarbeite.

Genau das ist passiert. Ich texte inzwischen unter Umgehung von Agenturen und Verlagen für internationale Premium-Marken, die im deutschsprachigen Markt aus guten Gründen in geschliffenem Deutsch, mit verbindlicher Ansprache, wahrheitsgemäßen Inhalten und authentischer Rüberkomme präsent sein wollen. Auch 2025 öffneten sich wieder Türen für mich, an die ich früher nicht mal zu klopfen gewagt hätte. Wenn ich in den geputzten Rückspiegel schaue, platze ich vor Dankbarkeit. Dafür brenne ich. Dafür stehe ich morgens auf. Dafür stelle ich mir Wecker in verschiedenen Zeitzonen und überspringe auch mal eine Nacht, weil in Kalifornien noch Textkorrekturen zu machen sind, während in Japan das Morgenbriefing beginnt. 

Und warum nicht mehr im *hust* Land der Dichter und Denker?

Die hiesige Medien- und Agenturszene wirkt inzwischen so kreativ wie die Intershops an der ehemaligen DDR-Transitstrecke. Dröge, dunkel, angsterfüllt. Okay, der Tabak zum Selberdrehen kostete Pfennige und schmeckte annehmbar, aber das war der einzige Grund, dort anzuhalten. 

Deutsche Werbeagenturen kreieren keine genuinen Kampagnen mehr. Auch die Beratung ist aus dem Leistungskatalog verschwunden. Die »Kreation« besteht im Wesentlichen daraus, LLMs vollzuprompten, die Ergebnisse in ranschmeißerische Präsen mit abgenutzten Wörtern und gewesenen Gedanken zu überführen und sie dem Kunden so reibungsarm wie halbgeschmolzene Zäpfchen in den Anus zu schieben. Wer es wagt, diesen Vorgang mit einer originären Idee zu stören, erntet Schnappatmung. Freies Denken ist kulturelle Aneignung, lass das. Hauptsache, die Präse ist durchgegendert und klimaneutral. Haltung statt Inhalt, Pronomen statt Ideen, Parteibuch statt Kreativität.

​Aus Sicht der Werbeagenturen wirkt diese Entwicklung sogar logisch, denn Nullkreation ist eine billige, bequeme Methode, sich unauffällig unter den Bodenfliesen des unruhigen Zeitgeists durchzuwinden. Sie birgt nur einen Nachteil: Sie erschafft weder monetäre noch immaterielle Werte. Man erntet höchstens die Verachtung seiner Zielgruppe. 


Klingt traurig? Finde ich auch. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Agenturen die coolste kreative Spielwiese der Medienwelt waren. Als wir gemeinsam echte Kampagnen kreiert haben, die einen Haufen Response, Geld und sogar das eine oder andere goldene Miezekätzchen in Cannes einspielten. Und wenn nicht, dann hatten zumindest alle Beteiligten ein gutes Leben. Ja, alle. Der Kunde gab sein Geld gerne aus, weil der Gegenwert stimmte. Wir investierten jeden Herzschlag und jeden kreativen Funken in den Job. Und die Zielgruppe bekam witzige, informative, manchmal ironische, gelegentlich alberne, aber niemals langweilige Werbemittel. 

Aber es ist, wie es ist. Also kreiere ich das, was ich früher an Agenturen geliefert habe, einfach direkt für internationale Kunden. Was nicht nur kurze Wege, schlanke Prozesse, exzellente Kreation und übersichtliche Budgets zur Folge hat, sondern auch viel Freude. Für alle Beteiligten. Kunden, Kreative, Rezipienten. 
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Wie konnte es so weit kommen?

​Da stelle mehr uns janz dumm. Und da sage mer so. (Hihi, der musste sein. Jahreswechsel, Feuerzangenbowle, Fallhöhe zur Tiefe des Themas, und so weiter.)

Es konnte so weit kommen, weil es schon seit ungefähr 1500 Jahren soweit ist. Päpste, Kaiser sowie finstere Helferleins versuchten sich wie schon in den Jahrtausenden davor an allerlei magisch-okkulten Praktiken. Manchmal sogar mit hehren Absichten. So wollte zum Beispiel der byzantinische Kaiser Flavius Petrus Sabbatius Justinianus durch eine fiktive Abstrahierung von Gesetz, Glauben und Gedanken die Spaltung der Welt überwinden, trieb aber paradoxerweise genau damit einen Keil in die Wirklichkeit, der uns bis heute zu schaffen macht. Unsere Juristerei als monumentale Fiktion fußt zum Teil auf Justinians Ideen. Auch die Unsitte, kontrastierende Auffassungen als »Hassrede« zu verunglimpfen und zu verbieten, statt sie als Teil einer ganzheitlichen Kommunikation zu erkennen, geht auf diesen Keil zurück. 

Außerdem wirken die in die Existenz gesprochenen Bannflüche der Konzile von Konstantinopel bis heute heftig. Ihnen verdanken wir die Zersplitterung der Welt in Geist und Psyche, die Trennung von Geist, Seele und Physis sowie die Erschaffung einer materialistisch determinierten, skalierbaren Scheinwelt, wie wir sie heute für normal halten. Es ist eine Welt, in der Maschinen (!) das Regiment führen können, weil der Mensch seine Schöpfungsenergie verleugnet. Oder unplugged: Wir haben vergessen, wer wir sind, weil die Erinnerung daran mit grausamen Strafen belegt wurde. Diese Drohgebärde steckt uns noch in den Genen. Und trotzdem erinnern wir uns; allmählich, unaufhaltsam. (Psssst, Spoiler: 2026 erscheint ein Sammelband mit meinen Essays zu diesem Thema.)

​Nun ist keine der beiden Seinsformen besser oder schlechter. #1 und #2 haben ihre Daseinsberechtigung. Beide bewohnen den gleichen Variantenraum. Doch wir leben nicht in derselben Wirklichkeit. Variante #1 erschafft keine substanziellen Werte, lehnt jede Form der Selbstermächtigung samt kultureller und spiritueller Errungenschaften ab, wird durch strukturelle und institutionelle Zwänge beschränkt und geht daher nicht mit hochwertigen Produkten oder schöpferischen Prozessen in Resonanz. Die guten Deals werden in Variante #2 gemacht. 

​Zurück zum Jahresrückblick. Wo waren wir? Richtig, bei Werbeagenturen und Verlagen.
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​Warum ich 2025 nicht auf Automotive-Etats getextet habe

​Autos, Technik, Motoren. Neben Rock'n'Roll und Professional Musical Equipment mein liebstes textliches Themenfeld. Ich habe jahrzehntelang Kommunikationsmittel für diverse Autohersteller getextet. Leider bietet die als Mobilitätswende verblümelte Anti-Verbrenner-Modellpolitik kein Potenzial für authentische, konstruktive Texte.

Was derzeit von den Fließbändern rollt, sind für mich keine Autos. Sondern fahrende Computer, die klingen wie kaputte Küchengeräte. Schon die Formensprache der elektrischen Auto-Simulakra finde ich abstoßend. Tausend Sicken und Kanten, winzige Fenster. Keine fließende Linie, kein Profil, kein Charakter. Man sieht, dass die E-Kisten nicht von einem lebendigen Geist mit Stift, Zeichenblock und Spaß am Fahren kreiert wurden, sondern von Algorithmen errechnet. Vom nicht vorhandenen Motor ganz zu schweigen. Wobei, schweigen tun die Dinger ja leider nicht. Der erste Tesla Model S war noch geil, der glitt tatsächlich lautlos durch die Gegend und fuhr sich sensationell. Aber das synthetische Gepiepse, Gesumme und Gekreische, mit dem aktuelle E-Fahrzeuge den öffentlichen Lebensraum vermüllen, finde ich unerträglich. Dagegen klingt ein gut eingestellter Sechszylinder-Benziner so sanft wie Katzenschnurren. Lärmschutzwände und Tempo-20-Zonen, wohin man schaut – aber akustische Emissionsbomben durch die Straßen jagen. Und diesen Unsinn soll man der Zielgruppe als Fortschritt verkaufen? 

Die aktuellen E-Mobil-Etats brauchen folglich keine Kreativen wie mich, sondern ahnungslose Propagandasoldaten, die kein Problem damit haben, ihrer Zielgruppe den giftigen Katechismus einer lebensfeindlichen Ideologie um die Ohren zu hauen (und dafür zu Recht ausgelacht zu werden.)

Ich schließe nicht aus, dass ich eines Tages wieder für Werbeagenturen oder Automarken texte. Davor muss allerdings ein Transformationsprozess abgeschlossen sein, der – hurra – jetzt gerade beginnt. Dieser Prozess fegt den lähmenden niederfrequenten Uniformismus aus den Büros und Köpfen und öffnet Räume für kreative Dynamik und wahrhaftige Kommunikation, mit der man seine Zielgruppe nicht nervt, sondern erreicht. 

Was kommt 2026?

​Von mir: Mehr von allem, was schon dieses Jahr die Welt schöner gemacht hat. Neue Texte. Neue Bücher. Neue Musik. Neue Kooperationen, auf die ich mich jetzt schon narrisch freue. Und ganz viel Liebe. 

Ach ja, meine Kreationen sind und bleiben weiterhin 100% KI-frei. Ob Roman, Website-Text, Musik oder Newsletter. Alles echt. Drunter mach ich's nicht. Chatbots und LLMs sind für seelische Krüppel und Möchtegerns, die Kreation faken. Kann man machen. Man muss aber auch mit den Konsequenzen leben, die dieser Schrott erzeugt. (Auch darüber habe ich bereits Essays verfasst, die in dem bald erscheinenden Sammelband, und so weiter. Juchz!! Noch darf ich nichts dazu sagen. Aber in Kürze gibt's die ersten Videos mit Leseproben und Link.)

Außerdem freue ich mich auf die bevorstehende Veränderung des sozialen Vibes. Dieses Jahr war geprägt von Reaktion. Blitzreaktionen auf so ziemlich jeden Aufreger, der multimedial serviert wurde. Reflektierte, respektvolle Dialoge hatten Seltenheitswert, der öffentliche Raum war erfüllt von »wir gegen die« Parolen. 2026 wird das nicht mehr funktionieren. Die bisherigen Meinungsangebote bröckeln wie alter Kuchen und taugen nicht mehr als Baumaterial fürs Weltbild. Eine gesündere Leitlinie könnte lauten: Antworten statt reagieren, wahrnehmen statt triggern lassen. Klarheit statt Ideologie. Polarität statt Dualität. 

Das Leben fragt. Unsere Antworten bauen die Wirklichkeit. 

Fröhlichen Jahreswechsel, wir sehen uns drüben!


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